Vergangenheit im Schatten der Gegenwart

Ein persönlicher Bericht über eine Reise nach Danzig anlässlich des deutschen Überfalls vor 80 Jahren und des 30jährigen Jubiläums des demokratischen Umbruchs in Polen.

Von Emanuel Herold

Ich liege im Bett meines Gästezimmers in einem Studentenwohnheim am Rande der Danziger Altstadt. Es ist etwa 9:30 Uhr. Ich bin seit etwas mehr als sieben Stunden auf den Beinen, da in den Morgenstunden an der offiziellen Zeremonie zum Gedenken an den Kriegsbeginn vor 80 Jahren teilgenommen habe. In etwas mehr als sieben Stunden wiederum werden in Brandenburg und Sachsen – dem Bundesland, aus dem ich stamme – die Ergebnisse der Landtagswahlen bekannt. Mit der AfD wird dabei eine Partei enorme Gewinne einfahren, die all das für einen „Vogelschiss“ hält, dessen in den Morgenstunden auf der Westerplatte nahe Danzig gedacht wurde. Es ist der 01.09.2019.

Aber der Reihe nach. Als Teil einer Bürgerdelegation aus Bremen war ich vom 28.08. bis 01.09. in der Stadt an der Ostsee, die man auf Deutsch Danzig nennt und die auf Polnisch Gdańsk heißt. Organisiert wurde der Ausflug von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen, mit Unterstützung der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit. Der Anlass dieser Fahrt von insgesamt 14 Teilnehmer*innen in die langjährige Partnerstadt Bremens  war ein doppelter: Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren und demokratische Revolution in Mittel- und Osteuropa vor 30 Jahren.

Der komplizierte Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart ist mir in den diesen Tagen immer wieder begegnet und hat mich über den Besuch hinaus beschäftigt. Das Resultat dieser Beschäftigung ist der vorliegende Bericht – ergänzt im einige Querverweise: Neben einer Reihe von verlinkten Artikeln sind insbesondere zwei Veranstaltungen in Bremen in der Woche vor unserer Abfahrt von Bedeutung. Die dort erlebten Diskussionen bilden einen wichtigen Hintergrund für meine Erlebnisse in Danzig.

28. August

Dank der Direktverbindung gelangt man nach einer reichlichen Stunde Flug von Bremen nach Danzig. Am Abend unserer Ankunft gibt es noch kein Programm, von daher begeben sich alle Mitgereisten bei sommerlichen Temperaturen auf einen Spaziergang durch die Innenstadt. Es ist auf Anhieb schwer zu glauben, dass diese Stadt im Zweiten Weltkrieg zu 90% zerstört wurde, so schön präsentiert sie sich.

Es zeigt sich eine ungeheure Wiederaufbau- und Entwicklungsleistung. Damit das auch dem letzten Besucher klar wird, sind wie zur Mahnung an den Wänden des Goldenen Tors – dem Eingang zur Altstadt, wenn man so will – Fotografien der Kriegsverwüstungen angebracht.

Geht man durch dieses Tor, bietet sich das heutige Danzig dem staunenden Blick. Der Gang über den pittoresken Langen Markt und entlang der hotelgespickten Uferpromenaden vermittelt den Eindruck einer lebendigen wie auch wohlhabenden Großstadt. Uns erwartet in den folgenden Tagen ein umfangreiches Programm.

29. August

Der erste Vormittag unseres Aufenthalts führt uns in das Museum des Zweiten Weltkriegs, untergebracht in einem postmodernistischen Neubau, dessen charakteristische Spitze über den Dächern der Reihenhäuser am Rande der Altstadt zu sehen ist. Geschichte des 20. Jahrhunderts und Politik der Gegenwart verschränken sich hier aufs Engste.

Der Gründer und ehemalige Direktor des Museums, Paweł Machcewicz, war kurz vor unserer Reise, am 20.08.2019, in der Bremer Gedenkstätte Bunker Valentin zu Gast. Seine Ausführungen in Bremen rund um die Planung, Realisierung und Eröffnung des Museums – auch in der Langfassung nachlesbar – offenbarten tiefe Gräben in den erinnerungskulturellen und geschichtspolitischen Auseinandersetzungen in Polen:

Alles nahm 2007 seinen Anfang mit einem viel gelesenen Artikel, den Machcewicz in der Gazeta Wyborcza veröffentlichte und in dem er die Gründung eines Museums des Zweiten Weltkriegs anregte. Polen war kurz zuvor, im Jahr 2004, der Europäischen Union beigetreten (ein weiteres Jubiläum dieses Jahres). Allerdings sei die osteuropäische Perspektive auf die Gewaltgeschichte unseres Kontinents, so Machcewiczs Kernargument, fast nur Spezialisten bekannt und nicht etablierter Teil der Erinnerungskultur im Westen. Daher sollte ein neues Museum entstehen, um die westeuropäische Perspektive durch die osteuropäische Erfahrung zu ergänzen.

Die damals frisch gewählte liberale Regierung von Donald Tusk griff das Anliegen auf, es wurde eine unabhängige Arbeitsgruppe aus Historikern zusammengesetzt, die in der Folge ein Konzept zur Realisierung des Museums ausarbeitete. Nicht die Militärgeschichte sollte im Fokus stehen, sondern die Schicksale der polnischen Bevölkerung, eingeordnet in die Leidenserfahrungen von Menschen auf dem ganzen Kontinent. An diesem Ansatz stieß sich die gerade erst in die Opposition verwiesene PiS-Partei und insbesondere ihr Vorsitzender Jarosław Kaczyński: Das Konzept sei unpatriotisch und pseudo-universalistisch, es relativiere die polnischen Leiden. Dass Tusk bei seinem Antrittsbesuch in Berlin mit Angela Merkel über

die Idee zu diesem Museum sprach, nahm Kaczyński zum Anlass, die von den Historikern vorgelegte Konzeption als Unterwerfung unter die Deutschen zu deuten, so Machcewicz.

Der Bau des Museums ließ sich nicht mehr aufhalten, als Tusks Bürgerplattform 2015 abgewählt wurde und die PiS wieder die Macht übernahm. Die alte Regierung hatte die Direktoren diverser Kultureinrichtungen im Lande mit langjährigen Verträgen ausgestattet, um ihre politische Unabhängigkeit zu garantieren. An dieser Stelle regt sich in mir eine ungestellte Zwischenfrage: Wie viel politische Unabhängigkeit ist aber eigentlich noch möglich, wenn man von der Regierungspartei vertraglich vor der größten Oppositionspartei geschützt werden muss?

Die neue Regierung konnte den Direktor also nicht entlassen, ihr Kulturminister Piotr Gliński fand aber einen anderen Weg: Er gründete 2016 auf dem Papier das „Museum Westerplatte“, welches dem Kampf gegen die deutschen Angreifer gewidmet sein soll, und dazu eine neue Dachinstitution, unter der dann das noch zu bauende Westerplatte-Museum und das fast eröffnungsfertige Weltkriegsmuseum fusioniert werden sollen. So würde sich die bislang bestehende rechtliche Institution des Weltkriegsmuseums auflösen und damit auch der Vertrag des Direktors Machcewicz.

Dieser klagte – gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Danzigs, Paweł Adamowicz – vor dem Verwaltungsgericht in Warschau gegen dieses Vorhaben. Das nahm die Klage an und stoppte damit zunächst den Plan des Kulturministers. Dadurch war genug Zeit gewonnen, um das Museum in seiner vorgesehenen Ausstellungskonzeption zu eröffnen und dem Publikum zugänglich zu machen. Zwei Wochen nach der Eröffnung ließ das Verwaltungsgericht den Plan des Ministers allerdings doch zu. Machcewicz und einige seiner Mitarbeiter wurden am Tag nach dem Urteil entlassen. Teile der Ausstellung wurden geändert: So wurde z.B. die Zahl der sowjetischen Partisanen entfernt, wodurch die polnische Partisanenbewegung als die größte erscheint. Zudem seien falsche, übertriebene Zahlen der Rettung von Juden durch polnische Bürger eingefügt wurden. Trotz solcher Eingriffe seien aber „99%“ der Ausstellung geblieben wie von ihm und seinen Kollegen vorgesehen, so Machcewicz.

Nun also ist unsere Bremer Reisegruppe, etwa zehn Tage nach diesem Vorgeschmack, in eben jenem Museum des Zweiten Weltkriegs. Es ist beeindruckend und schon des Umfangs wegen überwältigend – man könnte sich tagelang darin aufhalten und würde immer noch nicht fertig sein. Ich möchte hier nicht auf Details der Ausstellung eingehen, aber ein elementarer Aspekt lässt mich ratlos zurück: Geschichte werde von Seiten der Regierung auf das Schema Helden/Opfer reduziert, Empathie für andere Leidensgeschichten werde der Arbeit am eigenen Opfermythos untergeordnet, so Machcewicz sinngemäß in seinem Vortrag in Bremen.

Im Gang durch die Ausstellung gewinne ich allerdings weder den Eindruck, mir würde hier ein nationalistischer Mythos verkauft (Machcewiczs Vorwurf an die Kaczyński-Regierung) noch den Eindruck eines westlichen Narrativs, dass die polnischen Leiden vernachlässige (Kaczyńskis Vorwurf an die Historiker um Machcewicz). Vielmehr entspricht die Ausstellung dem, was Machcewicz im Sinn hatte: Das Leiden der polnischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung werden eingeordnet in das Leiden von Menschen vieler Ländern – sei es bei der deutschen Belagerung von Leningrad, in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern oder in den Konzentrationslagern der Nazis. Der Grundintention also, die polnischen Erfahrungen in einen transnationalen Kontext zu stellen, folgt die Ausstellung nach wie vor und zwar sehr eindrücklich.

Dieser Umstand macht den bitteren Konflikt zwischen der alten Museumsleitung in Danzig und der Regierung in Warschau für den Außenstehenden umso irritierender; die juristischen Manöver des Kulturministers zur Verdrängung des Museumsgründers erscheinen gleichermaßen ungeheuerlich wie auch rätselhaft. Die von Machcewicz geschilderten Änderungen sind natürlich Geschichtsklitterung und als solche zu verurteilen. Dennoch wirken sie im Verhältnis zum Gesamtbild marginal. Der politische Eingriff in die Personalien einer großen Kultureinrichtung hatte zu Recht auch außerhalb Polens große Wellen geschlagen, der Reputationsschaden für die PiS-Regierung ist enorm. Es bleibt abzuwarten, ob künftige Modifikationen der Ausstellung nicht doch invasiver ausfallen, wenn sich die internationale Aufmerksamkeit wieder abwendet.

Nach dem Mittagessen werden wir von unserem Stadtführer empfangen, der uns durch die verschiedenen Teile der Innenstadt führt. Der Rundgang führt uns auch in die Marienkirche, in der sich die Urne des „Stadtpräsidenten“ (wie der Bürgermeister in Danzig heißt) Paweł Adamowicz befindet. Adamowicz war insgesamt fünfmal wiedergewählt worden und führte die Stadt seit über zwanzig Jahren. Am 13. Januar 2019 wurde er bei der größten Spendenveranstaltung des Landes auf offener Bühne mit einem Messer niedergestochen.

Der Täter hatte eine kriminelle Vorgeschichte und handelte nach eigenen Angaben aus Rache: Die Bürgerplattform – der Adamowicz bis 2015 angehörte, bevor er sich bei seiner letzten Wiederwahl als Unabhängiger aufstellte – sei schuld an seinem Gefängnisaufenthalt. Dass in seinen Augen dafür jemand sterben müsse, davor hatte die Mutter des Täters die Polizei kurz nach der Entlassung ihres Sohnes aus dem Gefängnis gewarnt, so unser Stadtführer. Unternommen wurde nichts.

Ein psychologisches Gutachten attestierte dem Täter psychische Probleme, seither gibt es in Polen eine Diskussion darum, ob es sich bei der Ermordung Adamowiczs um eine „politische Tat“ handele. Hoffnungen, dieser Schock ließe das Land wieder enger zusammenrücken, werden von dieser Diskussion aufgefressen, sie waren allerdings ohnehin gering gewesen.

Als jemand, der sich viel mit dem Brexit beschäftigt, kommt mir in diesem Zusammenhang der Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox in Großbritannien 2016 in den Sinn. Der Täter soll damals „Britain first“ gerufen haben, ihm wurden ebenfalls psychische Probleme zugeschrieben. Cox war überzeugte Remain-Anhängerin. Nimmt man die Ermordung Walter Lübckes im Juni 2019 hinzu, bin ich sprachlos, mit welcher Regelmäßigkeit die europäische Öffentlichkeit mittlerweile Angriffe auf ihre gewählten Repräsentanten erleben und sich mit der Frage beschäftigen muss, wo die Grenzen zwischen politisch motivierter Gewalt und individueller Pathologie verlaufen.

30. August

Der darauffolgende Tag führt unsere Delegation in die tiefsten Abgründe von Verbrechen, die Menschen anderen Menschen aus politischer Überzeugung zugefügt haben. Die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Stutthoff befindet sich wenige Kilometer östlich von Danzig. Es war das erste außerhalb Nazideutschlands eingerichtete Konzentrationslager. Rund 110.000 Menschen wurden hier zwischen 1939 und 1945 eingesperrt, ausgebeutet und gefoltert; mehr als die Hälfte von ihnen fand hier den Tod.

Am Anfang unseres Besuchs steht eine Vorführung von zwei kurzen Filmen: Der erste ein offenkundig schon etwas älterer Dokumentarfilm über das KZ Stutthoff, der zweite ein Nachrichtenbeitrag des polnischen sozialistischen Staatsfernsehens zu den Gerichtsprozessen gegen die Täter, derer man nach dem Krieg habhaft wurde. Die anschließende Führung durch das Lager macht ein älterer Herr mit Schiebermütze. Er arbeitete 33 Jahre als Lehrer, bevor er begann, regelmäßig Besuchergruppen durch die Gedenkstätte zu führen. Glücklich die Schüler, die solche Lehrer haben durften: Er spricht ruhig und bestimmt. Seine Erzählung ist detailliert, ohne zu überfrachten; deutlich, ohne zu überfordern.

Es ist mein erster Besuch in einer KZ-Gedenkstätte. Wer hierunter einen Schlussstrich ziehen oder das Geschehene relativieren möchte, begibt sich bewusst in eine Position, aus der heraus auch Grausamstes zu relativieren ist.

Am Denkmal für die Opfer des KZ Stutthoff legt unsere Delegation einen Blumenkranz im Namen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Bremen nieder. Wir verabschieden uns bei unserem „Lehrer“ mit einem nachdrücklichen Dank und begeben uns zum Bus. Die Fahrt auf die Westerplatte verschafft die Möglichkeit, das Gesehene und Gehörte sacken zu lassen.

Unser Aufenthalt auf der Westerplatte ist eher kurz, macht uns aber mit dem Ort vertraut, an dem wir in den Morgenstunden des kommenden Sonntags sein werden, um an der offiziellen Gedenkzeremonie teilzunehmen. Den Aufbau der Bühnen können wir daher sehen, ebenso wie die verschiedenen dauerhaften Formen des Gedenkens: Die Ruine des ehemaligen polnischen Munitionslagers, dass die Deutschen angriffen, ebenso wie die verschiedenen Gedenktafeln für die polnischen Soldaten, die hier gekämpft hatten. Dazu kommt auf einem Hügel gelegen ein Antikriegsdenkmal in Form eines Schwertgriffs, dessen imaginäre Klinge im Boden stecke, erklärt unser Stadtführer, der uns auch hier auf die Insel begleitet hat. Mit dem Denkmal wird nicht nur dem Kampf um die Westerplatte gedacht, sondern verschiedene Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, von Dünkirchen bis Murmansk, sind auf dem Denkmal genannt.

Das oben erwähnte „Museum Westerplatte“ ist übrigens auch jetzt, drei Jahre nach seiner formellen Gründung, nicht mehr als ein mit Bauzäunen umschlossenes Waldgebiet. Unser Stadtführer gibt sich auf meine Nachfrage, was es mit dem Museum Westerplatte auf sich hat, eher wortkarg. Es gebe einen Streit zwischen dem Museum des Zweiten Weltkriegs und dem Museum hier, man wisse nicht, was damit wird.

Eine Fähre bringt uns zurück in die Altstadt, wobei wir den großen und sichtlich aktiven Industriehafen durchqueren. Dort angekommen, teilt sich unsere Reisegruppe: Mit einer Handvoll Studenten aus unserer Gruppe nehme ich bis Sonntag an ausgewählten Programmpunkten der internationalen Jugendkonferenz „’39, ’89, 2019“ im Solidarność-Zentrum teil.

Erster Programmpunkt: Besuch im Rathaus. Dort treffen wir zwei junge liberale Mitglieder des Stadtrats. Nach ein paar allgemeinen Infos zu ihrer Arbeit können wir Fragen stellen. Ob die politischen Spannungen zwischen Liberalen und Konservativen auch auf lokaler Ebene so ausgeprägt seien oder ob es einen Unterschied gebe zwischen lokaler und nationaler Ebene, frage ich. Natürlich gebe es, so die Antwort, auch hier viele Konflikte und die Opposition – das ist in Danzig, wie in den meisten Großstädten des Landes, die PiS – veranstalte schon viel Theater. Aber in den Ausschüssen spiele das meist keine Rolle, da arbeite man eigentlich immer gut zusammen. Auf nationaler Ebene sei das anders, die mediale Aufmerksamkeit größer, auch die Themen seien z.T. andere. Ich höre diese Antwort und möchte sie gern glauben.

Nach diesem kurzen Besuch im Rathaus gehen wir mit den Gastgebern der Jugendkonferenz, einer Gruppe von Abiturienten aus Danzig, zum gemeinsamen Abendessen. Anschließend finden wir uns gemeinsam vor der Tür wieder mit dem Vorhaben, noch etwas trinken zu gehen.

Ich komme mit einem der polnischen Schüler länger ins Gespräch. Wir sprechen über die anstehenden Parlamentswahlen im Oktober, den Zustand der Opposition, die Versuche der Regierung, von einer Serie an Skandalen abzulenken. Es ist sehr klar, dass mein Gesprächspartner auf Seiten der Opposition steht und mit sehr vielen Entscheidungen der aktuellen Regierung nicht einverstanden ist. Als wir auf das fast schon sagenumwobene Kindergeld zu sprechen kommen, das die PiS zu Beginn ihrer laufenden Amtszeit eingeführt hat, fühle ich mich durch seine Reaktion an eine weitere Veranstaltung in Bremen erinnert.

Am 22.08., also zwei Tage nach dem Vortrag des ehemaligen Museumsdirektors, sprach in der Oberen Halle des Bremer Rathauses der langjährige Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, Adam Michnik. Michnik ist eine Ikone der polnischen Demokratie, ein Dissident und liberaler Intellektueller, der zu polemisieren weiß. In seinem Vortrag spricht er ausführlich über den Hitler-Stalin-Pakt. Dieser Pakt ermöglichte dem Dritten Reich überhaupt erst einen gefahrlosen Überfall auf Polen und anschließend auf die Nachbarländer im Westen. Im Museum des Zweiten Weltkriegs muss man durch einen schmalen hohen Gang, rechts die riesige Flagge der Nazis, links die riesige Flagge der Sowjets. Man tritt gewissermaßen als Besucher durch diesen Gang in den Zweiten Weltkrieg ein. Der Pakt ist aus polnischer Sicht der eigentliche Kriegsbeginn, wie Michnik sagt.

Michnik spricht auch über die aktuelle politische Lage: Die Regierung erzeuge ein „Hologramm der Geschichte“. Seine Kritik am Umgang der Regierung mit Erinnerung und Geschichte gleichen der von Machcewicz. Eine echte Tradition der kritischen Aufarbeitung der eigenen historischen Verfehlungen gebe es im heutigen Polen nicht, ihm fehlten Figuren, die einem Victor Klemperer, Karl Jaspers oder Willy Brandt vergleichbar wären. Michniks Gedankengänge werden zunehmend assoziativ: weltweit seien Demokratien auf dem Rückzug; die „Faschisierung“ seines Landes schreite voran; die Weimarer Republik scheiterte, weil niemand sie verteidigte – das müsse uns heute zu denken geben. Die Regierung Kaczynski sei ein verkehrter König Midas: „Was sie anfassen, wird zu Scheiße“, so Michnik wörtlich.

An den Vortrag schließt sich ein Gespräch mit dem Gründer der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen, Wolfgang Eichwede, an. Dieser stellt Michnik die raffinierte Frage, wie denn die Kaczyńskis, Le Pens und Salvinis dieser Welt möglich sein können, wenn doch immer auch die Michniks da gewesen sind. Wieder verweist Michnik auf die unvollständige Aufarbeitung der Geschichte, nennt zudem Anti-Elitismus und die Trägheit der Einstellungen, wie z.B. bei der immer noch stark verbreiteten Homophobie.

Und wie aus dem Nichts eine mürrische Volte: Auf Korruptionsfälle in der Regierung angesprochen sei die Reaktion ihrer Anhänger sinngemäß „Die klauen auch, aber sie geben uns etwas ab.“ Dieser Satz bleibt Michniks einziger vager Hinweis auf die Relevanz von Verteilungsfragen an diesem Abend. Man spürt hinter seinen Zuspitzungen und selbst seinem Humor einen ratlosen Frust. Ich befürchte, auch auf ihn könnte die Beobachtung passen, dass in Polen nicht nur das Volk die intellektuelle Elite verachtet, sondern auch umgekehrt.

Zurück am Kneipentisch in der milden Danziger Sommernacht: Mein junger Diskussionspartner hat mir erläutert, warum der vermeintlich ausgeglichene Haushalt, den die Regierung für das Jahr 2020 angekündigt hat, eine Schönrechnung zum Stimmenfang bei der Parlamentswahl sei, die für das Land in den Jahren darauf nur umso teurer werde. Das Kindergeld könne sich Polen eigentlich nicht leisten, die Wirtschaft müsse sich erst auf das Niveau des Westens entwickeln bevor man einen vergleichbaren Sozialstaat aufbaue. Überhaupt sollten den Bedürftigen auch nur Wertmarken ausgegeben werden, damit sie ihr Geld nicht für Alkohol ausgeben.

Ich bin überrascht von der Ausführlichkeit der haushaltspolitischen Darlegung und der beiläufigen Abkanzelung armer Menschen. Auf Nachfrage begründet er das mit persönlichen Erfahrungen, ich sage ihm, dass ich solche Generalisierungen für falsch halte. Unser Gespräch ist anregend, es geht nun lebhaft hin und her. Irgendwann fällt der Satz: Ja, das Kindergeld habe sicherlich vielen Menschen etwas gebracht und vor allem habe die Regierung gezeigt, dass so etwas ginge – das sei jetzt ihr großer Pluspunkt.

In den Augen vieler Polen bringt die Regierung offenkundig nicht nur „Scheiße“ hervor, im Gegenteil. Das liberale Polen scheint dagegen keine besonders ausgeprägte Ader für die Bedeutung von Sozialpolitik jenseits des fiskalisch Verrechenbaren zu haben. Was sich Michniks kurzen Volte andeutete, wird von meinem Gegenüber nun mehrfach wiederholt: Die Regierung kaufe sich letztlich Stimmen und viele Wähler ließen sich kaufen. Beschränkt es die strategische Position der liberalen Kräfte aber nicht erheblich, in Sozialleistungen lediglich Haushaltsdefizite oder Wahlgeschenke zu sehen?

Vielleicht stellt sich diese Frage nicht wirklich. Die deutsch-polnische Journalistin Emilia Smechowski erläutert in ihrem Buch Rückkehr nach Polen, dass viele Menschen sich in der politischen Spaltung des Landes eingerichtet haben – weswegen der Wille, „die andere Seite“ zurückzugewinnen, langsam abnehme. Die Autorin war ebenfalls kurz vor unserer Fahrt in Bremen zu Gast, um ihr erstes Buch Wir Strebermigranten vorzustellen. Es war der 23.08.19, also der 80. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes. Das spielte bei der Veranstaltung allerdings keine Rolle.

Lang nach dem ersten Bier erzählt mir mein hellwacher Gesprächspartner, dass in der polnischen Öffentlichkeit die These immer prominenter werde, es handele sich bei Polen um ein Land mit zwei Stämmen. Mich beunruhigt diese Formulierung, da sie bestätigt, was man in den deutschen Medien gemeinhin liest, was ich von Machcewicz und Michnik gehört habe und was Smechowskis Buch mit Ernüchterung nachzeichnet: Es gebe ein weltoffenes Polen, das Gewaltenteilung und Individualismus hochhalte, ein Polen der liberalen Bürgerrechte; und es gebe ein nationalistisches Polen, das die repräsentative Demokratie sukzessive zur Tyrannei der Mehrheit umgestalte, ein Polen der sich um sich selbst sorgenden Volksgemeinschaft. Ich lerne während meines Besuchs, sofern diese Spaltungsthese in dieser Schärfe adäquat ist, offenkundig nur einen der beiden Stämme kennen.

Das gilt auch für den Rest unseres Abends: Wir kommen auf andere Themen, sind bereits in der nächsten Bar angekommen, die Stimmung ist sehr locker. Mein Gesprächspartner hat noch einen Freund hinzugeholt. Zwei ziemlich angetrunkene Studentinnen setzen sich spontan zu unserer mittlerweile etwas kleiner gewordenen Gruppe. Es geht Englisch und Polnisch durcheinander. Es kommt die Idee auf, noch Tanzen zu gehen, im Industriehafen gäbe es einen tollen Club. Nach einem halbstündigen Spaziergang, vorbei am Museum des Zweiten Weltkriegs und am Solidarność-Zentrum, sind wir da: Zwischen stillgelegten Kränen und alten Containern gibt es eine große Tanzfläche, einen aufgeschütteten Strand mit Liegestühlen und viele junge gut gelaunte Menschen mit erfrischenden Getränken in der Hand.

Ich verliere im Trubel vorübergehend die anderen aus den Augen und laufe ein wenig über das Gelände. Hier und da höre ich Englisch, aber wenig, dafür Polnisch in verschiedenen Trunkenheitsgraden. Für einen Moment stehe ich am Rand und betrachte das Treiben: Vor rund zehn Stunden stand ich noch neben den Öfen in Stutthoff. Das Bewusstsein dafür, welche heftigen Kontraste sich in diesem Tag verdichten, spannt sich in mir wie ein Seil, an dessen Enden kräftig gezogen wird. Ich bin einen Moment unentschlossen. Aber weder verlasse ich diesen Ort, noch stehe ich sehr lang abseits. Obwohl die Verschiedenheit der Erlebnisse dieses Tages etwas Groteskes hat, bin ich froh hier zu sein. Unerwartet und zufällig lerne ich gerade ein Stück gegenwärtiger Leichtigkeit kennen, die in Danzig natürlich ebenso existiert wie anderswo auch.

31. August

Ein Stück Leichtigkeit gönnt sich auch unsere Reisegruppe am darauffolgenden Vormittag, als sie an den echten Strand nach Sopot fährt, von dem sie später mit schwärmenden Berichten zurückkommen wird. Ich ziehe es vor, auszuschlafen, um für die Zusammenkunft der Jugenddelegationen im Solidarność-Zentrum halbwegs diskussionsfähig zu sein.

Das Gebäude selbst erscheint wie ein riesiges Kulturzentrum: Neben der Dauerausstellung und dem obligatorischen Museumsshop beherbergt es u.a. eine Bibliothek, einen großen Hörsaal und einen Veranstaltungssaal, in dem wir uns einfinden. Das Datum der Jugendkonferenz ist kein Zufall, der 31.08.2019 markiert den 39. Gründungstag der berühmten Gewerkschaft. Es sind nun viele Gruppen eingetroffen, die am Vortag im Rathaus noch nicht da waren: Aus Breda, Dünkirchen, London, Malmö, Rijeka und sogar aus Nagasaki. Hinzukommen zwei polnische Gruppen, aus Lublin und Auschwitz, sowie zwei weitere deutsche Gruppen, aus Hamburg und Dachau. Es handelt sich überwiegend um Schüler, hinzukommen einige Studenten und ein paar Berufstätige.

Nach einer kurzen Einführung seitens der Veranstalter begrüßt uns die Danziger Stadtpräsidentin Aleksandra Dulkiewicz, die nach dem Tod Paweł Adamowiczs dessen Amt übernahm. Nach ihr redet Basil Kerski, der Leiter des Solidarność-Zentrums. Beide sprechen über die Wichtigkeit des Austauschs, betonen dabei vor allem, dass das Gedenken an die Vergangenheit einer besseren Zukunft dienen muss. Entsprechend baut sich unser Tagesprogramm auf: Zunächst Besuch der Dauerausstellung zur Geschichte der Gewerkschaft und des demokratischen Umbruchs, anschließend der Workshop „Europe and the World in 2039. An imaginative experiment“ und dann die feierliche Verleihung der „Medaille der Dankbarkeit“ des Zentrums. Zum Abschluss gibt es noch ein Konzert.

Die Dauerausstellung ist hochinteressant. Unser Guide ist ein sympathischer Herr jenseits der 60 und spürbar emotional involviert. Allerdings hadert er mit seinen Englisch-Kenntnissen, macht manchmal mitten im Satz längere Pausen und sucht nach den richtigen Worten. Das ist ein wenig schade, tut der abwechslungsreichen Ausstellung aber keinen Abbruch. Der polnische Widerstand wird in den politischen Kontext des Kalten Kriegs eingeordnet, Berührungspunkte zu Oppositionsbewegungen in anderen Ländern aufgezeigt, bis am Ende der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums steht. Ähnlich wie im Museum des Zweiten Weltkriegs hat man es mit einer modern gestalteten Ausstellung zu tun, die Lust auf einen erneuten Besuch macht.

Nach dem Mittagessen folgt der Workshop „Europe and the World in 2039“. Die Teilnehmer diskutieren an Thementischen über verschiedenste politische Fragen: Wie werden unsere Schulen aussehen? Wer werden unsere Politiker sein? Wie entwickeln sich die internationalen Beziehungen? Wie bewältigen wir den Klimawandel? Welchen politischen Beitrag leisten junge Menschen? Wie informieren wir uns? Nach jeder Diskussionsrunde an einem Tisch setzt man sich um wie man möchte, diskutiert zum nächsten Thema und immer so weiter.

Die Diskussionen sind oft angeregt, gelegentlich auch etwas zäh, jedenfalls kommt es kaum zu echten Kontroversen: Ja, wir müssen besser lernen mit Fake News umzugehen. Ja, wir müssen weniger Plastikmüll produzieren und mehr erneuerbare Energien nutzen. Ja, die Beziehungen mit Russland sollten sich irgendwann wieder entspannen. Ja, junge Menschen werden ihrer Stimme über soziale Medien Gehör verschaffen, die klassischen Medien verlieren an Bedeutung. Ja, wir werden in Zukunft digital wählen gehen, aber wir müssen uns dabei auch die Sicherheit unserer Wahlen kümmern. Die Anwesenden sind interessiert und zeigen sich gut informiert. Es ist zu spüren, dass wer hier teilnimmt, ohnehin politisch interessiert und aufgeschlossen ist. Die Schüler aus Danzig, die jeweils einen Thementisch leiten, fassen am Ende der rund zwei Stunden die Diskussionen kurz zusammen.

Weiter geht es ins große Auditorium zur Preisverleihung, wo die Fernsehkameras bereits aufgebaut sind. Die „Medaille der Dankbarkeit“ ist eine Auszeichnung des Zentrums für Persönlichkeiten, die den Kampf und die Ideale der Solidarność mit ihrem politischen Wirken unterstützen und unterstützt haben. In diesem Jahr gehen sie an drei Männer: Myroslaw Marynowytsch, ukrainischer Dissident und Mitbegründer von Amnesty International. Gábor Demszky, ungarischer Verleger und Bürgermeister Budapests von 1990 bis 2010. Und Frans Timmermans, niederländischer Sozialdemokrat und amtierender Vizepräsident der EU-Kommission. Es ist eine angenehm unprätentiöse Veranstaltung: Dulkiewicz begrüßt kurz die Anwesenden, Kerski stellt die Preisträger und ihr Wirken vor, die treten nach vorn, halten eine mal kürzere, mal längere Dankesrede, am Ende noch ein gemeinsames Foto.

Timmermans Rede sticht mit ihrem Pathos heraus. Danzig werde niemals seine Freiheit, Offenheit, Neugier, seinen europäischen Charakter verlieren, „whatever happens“. Er schlägt einen weiten Bogen: Von der Würdigung des ermordeten Adamowicz als exemplarischer Verkörperung der Werte der Stadt hin zu seiner persönlichen Geschichte. Er erinnert an die Befreiung der niederländischen Stadt Breda durch eine polnische Panzerdivision im Herbst 1944. Timmermans Vater und seine Großeltern erlebten die Kriegsjahre in Breda. Die polnischen Soldaten, die sie befreiten, wurden später Ehrenbürger der Stadt. Breda ist bei unserer Jugendkonferenz auch mit einer Delegation vertreten, der Bürgermeister der Stadt ist bei der Preisverleihung anwesend.

Auch Timmermans spricht über den Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft, sagt, es dürfe bei der Erinnerung an die Leistungen von Solidarność nicht um Nostalgie gehen. Der Kommissionsvize, der einer der klarsten Kritiker der sogenannten Justiz-Reformen der polnischen Regierung ist, erinnert an die ambivalente Reaktion des Westens auf die Aktivitäten der Gewerkschaft: Man habe auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs mit Sympathie applaudiert, war aber vor allem um die Stabilität des Kontinents besorgt. Die Lektion sei, so Timmermans, dass wer Freiheit der Stabilität opfere, am Ende keines von beiden gewinne. Zugleich zeige Solidarność auch, dass die Freiheit Polens allein in den Händen des polnischen Volks liege. Er deutet den Begriff der Solidarität als Kraft zur Schaffung von „fraternité“, einem der drei Ideale der Französischen Revolution. Ohne Brüderlichkeit blieben die Freiheit und Gleichheit leere Worte, weil sie dann nicht durchsetzbar seien. Er bekommt für seine Rede viel Applaus.

Das anschließende Konzert höre ich mit dem diskussionsfreudigen jungen Polen des vorigen Abends und einer seiner Mitschülerinnen. In meinen Augen verkörpern auch diese beiden jene Danziger Ideale, von denen Timmermans eben noch sprach. Ich fühle mich willkommen und sehr wohl. Gegen Ende des Konzerts gehen wir auf Vorschlag der beiden nach oben auf das Dach des Zentrums.

Die allmählich sinkende Sonne taucht den nahegelegenen Hafen in ein warmes Licht. Man hat einen wunderbaren Ausblick. Beide wollen gern fürs Studium ins Ausland. Er möchte Politikwissenschaft studieren, vor allem internationale Beziehungen interessieren ihn. Sie schwankt zwischen Jura oder einer fremdsprachlichen Philologie. Die Jobchancen sprechen natürlich klar für ersteres, ihre Lust für letzteres. Werden sie danach wiederkommen? Soweit denken sie noch nicht.

Eine andere Frage muss ich den beiden noch stellen: Was hat es eigentlich mit dieser riesigen Festivalbühne auf sich, von der schon den ganzen Tag Musik kommt? Als ich mittags vor dem Eingangsbereich des Zentrums stand, mischte sich die Musik, die vom Zentrum gespielt wurde, auf nervige Weise mit der lauten Musik von der Bühne. Hat das Geschehen da drüben nichts mit den Feierlichkeiten im Zentrum zu tun?

Meine beiden Begleiter erklären mir, dass das aus ihrer Sicht doch auf eine gewisse Weise der Fall sei: Es sei ein Fest zum Ende des Sommers, organisiert vom staatlichen Fernsehsender TVP2, das eigentlich nie hier stattfinde – außer in diesem Jahr, wenn direkt nebenan 30 Jahre demokratische Revolution gefeiert werden. Es gehe letztlich darum, die Veranstaltungen im Solidarność-Zentrum zu stören.

Das klingt für mich erst ein wenig nach Verschwörungstheorie. Andererseits machen meine subjektiven Eindrücke diese Deutung plausibel: Schon der laute Soundmatsch am Mittag war irritierend. Noch seltsamer ist, dass in der Tat die meiste Zeit des Tages von dort Musik kommt, ohne dass probende Künstler oder überhaupt Publikum zu sehen sind. Auch jetzt, gegen 20 Uhr, sieht man vom Dach zwar ein paar Neugierige entlang des Zaunes stehen, aber kaum jemand befindet auf dem abgesperrten Gelände vor der Bühne.

Fraternité“? Eine enorme Herausforderung im heutigen Polen, wenn an der Theorie meiner beiden Begleiter etwas dran sein sollte. Es ist eine bedrückende Vorstellung.

Dieser Abend wird weitaus kürzer als der vorangegangene. Die Gedenkveranstaltung auf der Westerplatte beginnt kurz nach 4 Uhr, also in den Morgenstunden, in denen das deutsche Schiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf das polnische Munitionslager eröffnete.

1. September

Wir verlassen also halb drei in der Nacht unsere Unterkunft, ein Bus bringt uns und die anderen Jugenddelegationen auf die Westerplatte.

Wenn ich schreibe, dass es eine offizielle Gedenkveranstaltung ist, dann muss hinzugefügt werden, dass es allerdings nicht die offizielle Hauptgedenkveranstaltung ist. Diese findet in diesem Jahr, und zugleich das erste Mal überhaupt, in Wieluń nahe Warschau statt. Der dortige deutsche Luftangriff hat wohl wenige Minuten vor dem Beschuss der Westerplatte stattgefunden. Der Verlauf der Veranstaltung vor dem Westerplatte-Denkmal legt allerdings andere Gründe nahe, warum PiS-Präsident Andrzej Duda und die Regierung ihre Staatsgäste zu diesem Jubiläum und so kurz vor der Parlamentswahl lieber nicht in Danzig empfangen wollte.

Nach dem Security-Check nehmen wir auf den langen Sitzreihen Platz. Außerhalb des abgesperrten Bereichs für die offiziellen Gäste stehen bereits einige Menschen. Sie halten vielfach die polnische Flagge, hin und wieder auch die blau-gelbe Flagge der EU. Es ist in der Dunkelheit schwer zu schätzen, aber es sind mit Sicherheit über 1000 Gäste und Zuschauer anwesend.

Vor dem Westerplatte-Denkmal haben sich Pfadfinder in gleichmäßigem Abstand aufgestellt, nach und nach entzünden sie Fackeln. Das Hauptorchester der Marine begleitet das Geschehen, über Kopfhörer lausche ich der Übersetzung der Moderation, die durch den Ablauf führt. Die Redner des Morgens kommen im Abstand von mehreren Minuten eingelaufen, grüßen das Ehrenkontingent der Kriegsmarine und das Ehrenkontingent des polnischen Pfadfinderverbandes und nehmen Platz. Ich bin überrascht, wie klar sich die politischen Sympathien schon jetzt artikulieren: Lautes Klatschen bei Stadtpräsidentin Dulkiewicz, Höflichkeitsapplaus u.a. für Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak und Premierminister Mateusz Morawiecki, geradezu demonstrativer Beifall für Frans Timmermans, der die EU-Kommission vertritt.

Nachdem die VIPs der Reihe nach Platz genommen haben, Stille. Es erklingen Alarmsirenen, der Moment des Angriffs. Über die Bildschirme wird ein kurzer Film eingespielt, der Aufnahmen der Kämpfe zeigt. Es folgen ein knappes Dutzend Reden und Gebete. Was die politischen Redner betrifft, wiederholt sich die Choreografie vom Beginn: Die Stadtpräsidentin und der Kommissionsvize erhalten deutlichen Zuspruch seitens des Publikums. Morawiecki wiederum hat kaum das Wort ergriffen, da hört man kurz ein paar Trillerpfeifen. Der Applaus am Ende seiner Rede verebbt bevor der Premier überhaupt seinen Sitzplatz in der ersten Reihe wieder erreicht hat.

Inhaltlich überschneiden sich die politischen Reden: Alle sprechen von dem Mut und der Hartnäckigkeit der polnischen Soldaten, die sich einem übermächtigen Gegner zur Wehr setzten. Die Rede ist von den Zerstörungen des Kriegs, den prägenden Erfahrungen für ein ganze Nation und auch wieder von der Bedeutung der Erinnerung für die Gegenwart.

Die Akzentuierung des Gesagten, die Einordnung der konkreten Ereignisse in einen übergeordneten Horizont unterscheidet sich zwischen Dulkiewicz und Timmermans einerseits und den Regierungsvertretern andererseits aber deutlich genug. Vereinfacht gesprochen: Während erstere hier dem Beginn des Weltkriegs gedenken, gedenken letztere des Angriffs der Deutschen auf Polen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Konfliktlinien des Museumsstreits wieder aufscheinen: Das Verhältnis zwischen der Universalität des menschlichen Leids und Partikularität der polnischen Erfahrung wird auch auf dieser Bühne zwischen den Rednern indirekt verhandelt.

Danach kommen Beiträge von Vertretern verschiedenster Religionsgemeinschaften. Katholische, evangelische, russisch-orthodoxe, griechisch-orthodoxe, jüdische und islamische Geistliche kommen zu Wort, sprechen mal ein Gebet oder halten ebenfalls Reden. Ein kurioser Moment zwischendurch: Während der Rede des katholischen Erzbischofs fährt hinter uns ein Kreuzfahrtschiff vorbei. Die Worte des Erzbischofs werden vom dreifachen Erklingen des Nebelhorns hinweggedröhnt. Der Geistliche macht eine ernste Miene, im Publikum dagegen viel Schmunzeln, einige wenige klatschen gar nach dem das dritte „Möööp“ verklungen ist.

Sind die meisten Beiträge der Religionsvertreter im Tonfall eher zurückhaltend, hält der griechisch-orthodoxe Priester ein beseeltes Plädoyer gegen Krieg und Gewalt in der Welt. Er ruft dem Publikum zum Schluss seiner Rede die Worte zu, die in Großbuchstaben am Rande des Geländes über die Menschen ragen: „Nigdy wiecej wojny“ – nie wieder Krieg. Es ist der leidenschaftlichste Vortrag dieses Vormittags. Gegen sieben Uhr, die Sonne dringt nun durch Bäume und berührt die Anwesenden vorsichtig, endet die Veranstaltung.

Zurück in Danzig bin ich zwar müde, aber nicht müde genug, um nun noch einmal schlafen zu gehen. So schließe ich mich also dem gemeinsamen Frühstück unserer Reisegruppe an. Danach ist ein wenig Zeit bis zur nächsten Veranstaltung im Solidarność-Zentrum, die für uns zugleich die letzte vor der Abreise sein wird. Ich gehe zurück zu unserer Unterkunft.

Es ist etwa 9:30 Uhr. Nach einer kleinen Verschnaufpause richte ich mich von meinem Bett meines Gästezimmers auf. Ich hatte mich mit einem Studenten aus unserer Gruppe noch auf einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt verabredet, Zwischenstopp auf einen Kaffee inklusive. Als ich vorm Studentenwohnheim auf ihn warte, sehe ich, wie vor dem Eingang des Nebengebäudes Notenständer aufgestellt, Instrumente und Blumenkränze herangetragen werden. Ich beobachte das Ganze aus der Entfernung.

Als mein Mitreisender nach unten kommt und das Geschehen kurz mitbeobachtet, schlägt er vor kurz hinzugehen und zu fragen, was der Hintergrund der kleinen Zeremonie ist. Er spricht Polnisch und erkundigt sich bei einem der dort Versammelten. Der Herr gibt kurz und freundlich Auskunft. Es handele sich um eine Gedenkveranstaltung: Nach dem deutschen Angriff 1939 hätten hier die ersten Erschießungen durch die Nazis stattgefunden. Eine Plakette an der Fassade links neben dem Eingang erinnert an Verhaftungen und Deportationen. Das Gebäude ist heute das Biotechnologische Institut der Universität Danzig, in deren Wohnheim nebenan wir übernachtet haben.

Angekommen im Solidarność-Zentrum begeben wir uns in den Hörsaal. Die Podiumsdiskussion „Solidarität und Frieden. Städte als europäische Gemeinschaft“ besteht neben Moderator Kerski und Stadtpräsidentin Dulkiewicz aus der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, dem Bürgermeister der Stadt Białystok, Tadeusz Truskolaski, und dem Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der bereits am Morgen auf der Westerplatte anwesend war und auf den Leinwänden neben Timmermans sitzend zu erkennen war.

Die Diskussion bietet zunächst eine Reihe wohlbekannter Gemeinplätze: Immer mehr Menschen ziehen in die Städte; Städte spielen eine zentrale Rolle im Kampf gegen Klimawandel; Städte stehen vor großen Herausforderungen bei Themen wie Mobilität oder Integration. Der interessanteste Faden, der sich durch die Debatte zieht, wird insbesondere von Dulkiewicz und Khan gesponnen: Beide betonen mehrfach wie eng die Kooperation ihrer Städte ist und wie intensiv sie ihr globales Netzwerk zu anderen Städten pflegen. Beide vermitteln, dass sie ihre Erfolge geradezu gegen die jeweilige Regierung erringen müssen. Natürlich ist die politische Lage in Großbritannien und Polen, respektive in London und Danzig, in vielerlei Hinsicht nicht miteinander zu vergleichen. In der Emanzipation regionaler oder kommunaler Politik von der – als träge, schwerfällig und selbstbezüglich bezeichneten – nationalen Ebene findet sich aber ein gemeinsamer Nenner, der auch mehrfach herausgestellt wird.

In dem Hotel, in dem die verschiedenen Jugenddelegationen untergebracht sind, versammeln wir uns noch ein letztes Mal zum gemeinsamen Mittagessen, bevor man sich verabschiedet. Es werden Kontakte ausgetauscht, ich danke den polnischen Schülern für Ihre Aufgeschlossenheit und Gastfreundlichkeit. Vielleicht, besser: hoffentlich sieht man sich einmal wieder. Zurück im Wohnheim packe ich meine Sachen, kurz darauf geht es zum Flughafen.

Smechowski schreibt auf den ersten Seiten ihres Rückkehr-Buchs, „der Westen habe Angst, nach Osten zu schauen, weil er nicht wisse, ob er da seine Vergangenheit sehe oder seine Zukunft“. Unsere Delegation sitzt nun am Gate und verfolgt via Smartphone den Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg.

Coda

Im Oktober nun finden die Parlamentswahlen in Polen statt und zwei Wochen später die Landtagswahlen in Thüringen. Dass östlich der Oder eine Partei die politische Landschaft dominiert, deren Geschichtsbild auf die Anerkennung des eigenen nationalen Leids fixiert scheint, während sich westlich der Oder eine Partei etabliert, die sich u.a. um die mangelnde Anerkennung der „Leistungen“ der Wehrmacht sorgt, trifft einen nervösen Nerv in mir: Wo soll das hinführen?

Die Ermöglichung von Reisen wie dieser ist kostbar. Ich denke, die Bedeutung und das Potential von Städtepartnerschaften wie der zwischen Bremen und Danzig werden unterschätzt. Sie schaffen Gelegenheiten zur Einfühlung und Betrachtung, zu einem Tasten, das notwendig ungeschickt ist, aber um genau diese Ungeschicktheit weiß. Es sind Gelegenheiten, um in der Gegenwart ein gemeinsames Licht in die Dunkelheit des Vergangenen zu werfen und das Gesehene im Hinterkopf zu behalten, wenn wir uns der Zukunft zuwenden.

Text und Fotos: Emanuel Herold

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