Reise in die Vergangenheit

In meinem Leben habe ich einige Reisen gemacht, aber es gab eine Reise, die ich als Reise meines Lebens bezeichne.

Es ist schon ziemlich lange her, dass ich an einem sonnigen Nachmittag in einen Zug gestiegen und losgefahren bin. In der Tasche ein Pass, ein Visum und einige Zollpapiere. Ein großer Rucksack und tausende Fragen im Kopf. Wird alles gut gehen? Hast du nichts vergessen? Sind alle Papiere in Ordnung? Welche Fragen wird man dir stellen? Wird man deine Antworten akzeptieren? Und, und, und…. Gehen wir aber zurück zum Anfang der Geschichte. Die Welt, in der ich damals lebte war eng, sehr streng, duldete kein Widerspruch. Alles war gleichförmig und alle Menschen standen unter Beobachtung. Eine kritische Äußerung über die Regierung hatte das Potenzial, das ganze Leben zu zerstören. Nur der Versuch, sich einen Zugang zu unabhängiger Presse zu verschaffen, konnte verheerende Konsequenzen nach sich ziehen. Wahlen bestanden daraus, hinzugehen und seine Stimme der einen einzigen Partei zu geben, die es gab. Die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Parteien zu wählen, hat es schlicht und einfach nicht gegeben. Freie, demokratische Wahlen – das war nur ein Traum, den viele nicht mal zu träumen wagten. Die Menschen konnten ihr Leben nicht so gestalten, wie sie es wollten – arbeiten oder studieren, wo und was sie wollten – das war das Polen, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.

Ich habe mich wie in einem Käfig gefühlt. Nicht, dass ich in einem physischen Raum eingesperrt gewesen wäre – das nicht. Ich konnte feiern, mich mit Familie und Freunden treffen, zeichnen, in ein Konzert gehen, einen Abend in einer Kneipe verbringen – ein sogenanntes „normales Leben“ führen. Was mir aber nicht möglich war, war frei meine Meinung kund zu tun, offen zu hinterfragen oder Kritik zu äußern. Es war nicht gestattet, einen eigenen Lebensentwurf zu haben und diesen auch leben.

Ich war eine ganz normale junge Frau die Pläne, Sehnsüchte und Träume hatte. Eine davon war zu studieren. Eigentlich nichts Besonderes. Was braucht man dafür? Nur ein Abi? Weit gefehlt im damaligen Polen. Man brauchte ein Parteibuch. Man brauchte „Kontakte“. Man brauchte Eltern, die ein Parteibuch haben. Was man aber auf keinen Fall brauchte, war eine eigene Meinung, die Fähigkeit zu hinterfragen, quer zu denken und schon mal gar nicht zu kritisieren. Zusammengefasst: man musste angepasst sein. Damit fingen meine Probleme an, weil ich so ziemlich alles bin, nur nicht angepasst.

Mein Versuch, einen Studienplatz zu bekommen, endete mit einem Satz: „Suchen Sie sich lieber eine Arbeit, bei uns werden Sie nicht studieren.“ Damit war mein Traum von Studieren ausgeträumt. Diesen Satz werde ich nie vergessen. Dieser Satz hat mein ganzes Leben verändert. Dieser Satz hat mir die Luft zum Atmen weggenommen. Ich musste raus. Raus aus dem Land meiner Geburt und meiner Jugend.

Es hat Monate gedauert, bis ich die erforderlichen Papiere zusammen hatte. Monate, in denen mir immer klarer wurde, dass ich alles, was mir lieb und teuer ist, aufgeben werde. Meine Familie, meine Freunde, die Lichtung im Wald, wo ich mein erstes Gedicht geschrieben habe, mein Atelier, in dem meine Staffelei stand und die Ölfarben chaotisch in der Gegen rumlagen, meine Schallplattensammlung, die ich gepflegt und gehegt habe, die Spiegelung der Sonne in der Oder, den strengen aber liebevollen Blick meines Opas, meinen Freund, der schon Heiratspläne schmiedete….

Der Zug fuhr langsam los. Ich schaute noch einmal kurz durchs Fenster. Auf dem Gleis stand ein Mann, ein Mann mit Tränen in den Augen. An dem Tag habe ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Vater weinen sehen. Meine Mutter hatte keine Kraft, mich zum Bahnhof zu begleiten. Sie saß weinend in der Küche – schrieb sie mir irgendwann in einem Brief.  

Meine Eltern waren die einzigen Menschen, die von Anfang an wussten, dass meine Reise ohne Wiederkehr sein würde. Meinem Freund habe ich einen Tag vor meiner Abreise gesagt, dass ich nicht wieder kommen werde. Ansonsten kannte niemand meine Pläne. Das wäre zu gefährlich gewesen – für mich und für alle, die was darüber gewusst hätten.

Draußen wurde es dunkel. Im Zug brach Hektik aus. Uniformierte kamen rein. Der Zug stand. Die Grenze war da. Polnische Grenzbeamte kontrollierten die Papiere, die Zollbeamten das Gepäck und in meinem Kopf war nur ein Gedanke: Ruhig bleiben, du willst nur für zwei Wochen in die BRD, Freunde besuchen. Selbstverständlich war das nicht wahr, aber was hätte ich sonst sagen sollen? Nur diese eine Mal so tun, als wäre ich angepasst.

Der Zug rollte wieder ein Stück und kam erneut zum Stehen. Andere Uniformierte kamen rein – mit Schäferhunden. Das war die Grenz- und Zollkontrolle auf der DDR-Seite. Alles wieder von vorne. Papiere, Nachweise, Visa, Gepäck, alles wurde kontrolliert. Bei manch einem Mitreisenden wurde eine Leibesvisitation gemacht. In meinem Kopf war mittlerweile nur Leere.

Nach zwei Stunden fuhr der Zug wieder durch die dunkle Nacht Richtung Westen – Stunde um Stunde, Minute um Minute. Ich versuchte ein wenig zu entspannen, aber die Anspannung ging nicht weg. Es war noch nicht vorbei. Ich schaute wieder aus dem Fenster. Es gab nur die Dunkelheit – draußen und in meinem Kopf. Ich war traurig. Ich war wütend. Ich musste lächeln – noch ein paar Stunden lächeln und angepasst sein.

Eine Lichtung im Wald, die Sonnenstrahlen tanzen zwischen den Blättern einer Birke, frischer Windzug, eine angenehme Wärme eines Frühlingstages. Für ein paar Sekunden der Dunkelheit entflohen – im Kopf.

Der Zug verlor wieder an Geschwindigkeit und blieb stehen – die nächste Grenze. Uniformierte mit Hunden waren wieder da und das Ganze ging von vorne los. Pässe, Nachweise, Visa, Gepäck, Kontrollen, Fragen, Begründungen… Ich habe aufgehört zu denken. Ich reagierte nur noch – wie eine Maschine. Ich wollte nur, dass es aufhört, dass das alles endlich vorbei ist. Ich hatte einfach keine Kraft mehr zu lächeln.

Nach einer gefühlten Ewigkeit rollte der Zug wieder, um nach nicht allzu langer Zeit wiederholt stehen zu bleiben. Es kamen aber keine Grenzbeamten rein. Alles war ruhig und entspannt. Der Zug stand und ich stieg aus. Einen ganzen Packen Papiere in meiner Hand, ein schwerer Rucksack auf den Rücken und ein unangepasstes Lächeln im Gesicht. Ein Mann in Uniform kam auf mich zu, schaute sich mein Pass, danach meinen großen, vollgepackten Rucksack an und fragte freundlich: „Wie lange wollen Sie bleiben?“ – „Zwei Wochen“, antwortete ich. Der Mann lächelte, gab mir mein Pass zurück und sagte: „Das glaube ich nicht. Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland. Willkommen in der EU.“ Dann ging er entspannt zurück in sein Grenzhäuschen und gesellte sich zu seinem Kollegen.

Es war vorbei. Ich konnte wieder atmen. Meine Freunde waren gekommen, um mich abzuholen. Wir lagen uns in den Armen. Die Grenzen waren weg – in meinem Kopf und um mich herum.

Vor über dreißig Jahren bin ich in einen Zug gestiegen und es ging los. Das für sich war nichts Ungewöhnliches – eine junge Frau setzte sich in einen Zug, fuhr los und stieg irgendwo aus – das machen Millionen andere Menschen auch. Für mich aber war diese eine Reise etwas ganz Besonderes. Etwas, was mein Leben verändert und mir bewusst gemacht hat, dass Reisen nichts Selbstverständliches ist. Reisen ohne Grenzkontrollen ist ein Privileg, das es zu bewahren gilt.

Text: Marzanna Die, 14.06.2020

Der Text wurde auch veröffentlicht auf marzannadie.de

Bilder: pixabay

2 Kommentare

  • Wilhelm Unrau

    Ein eindrucksvoller Text, dir auch meine Sicht auf Europa und die Grenzen in Europa, speziell seinerzeit die innerdeutschen Grenzen und die Grenze zu Polen, trifft. Alle hier beschriebenen Grenzen habe ich erlebt. Auch die damit verbundenen Gefühle, ähnlich ging es mir immer dann, wenn ich von Westberlin in Helmstedt ankam.

    Und es war viel Hoffnung in dieser Zeit, viel Optimismus. Leider ist Europa einen Weg gegangen, der die Republik bis jetzt nicht hervorgebracht hat. Das ist das, was fehlt, die Republik Europa. In den Gefühlen, die hier beschrieben werden, war sie angelegt in der Sehnsucht nach Freiheit. Und sie ist längst fällig, die Republik.

    Scheint so, dass die Kräfte, die damals den Optimismus trugen, die Republik jetzt verhindern. Die Kräfte der Ökonomie haben alles erreicht, was sie in Europa erreichen wollten. Das jetzt ist der ideale Zustand für sie.

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